Anklageschrift erhalten: Was jetzt zu tun ist

Ein gelber Umschlag vom Amtsgericht oder Landgericht – und darin eine Anklageschrift. Für viele ist das der Moment, in dem ein Ermittlungsverfahren plötzlich ernst wird. Die Staatsanwaltschaft hat oft monatelang ermittelt, Sie dagegen sollen nun innerhalb kurzer Zeit reagieren. Das fühlt sich unfair an, und die Sorge vor einer öffentlichen Hauptverhandlung ist verständlich. Trotzdem gilt: Mit der Anklage ist noch nichts entschieden. Im sogenannten Zwischenverfahren prüft das Gericht zunächst, ob es die Anklage überhaupt zulässt. Genau hier haben Sie Einflussmöglichkeiten, die viele Betroffene nicht kennen. Dieser Ratgeber führt Sie Schritt für Schritt von der Zustellung bis zur möglichen Hauptverhandlung.

Was bedeutet es, wenn Sie eine Anklageschrift erhalten?

Die Staatsanwaltschaft hält Sie nach Abschluss der Ermittlungen für hinreichend tatverdächtig, also eine Verurteilung für wahrscheinlicher als einen Freispruch. Sie hat weder eingestellt noch einen Strafbefehl ohne Hauptverhandlung beantragt. Mit Einreichung der Anklage bei Gericht beginnt das Zwischenverfahren (§ 199 StPO). Sie sind nun Angeschuldigter (§ 157 StPO).

Häufig kommt die Anklage überraschend. Manche Betroffene haben vor Monaten einen Äußerungsbogen erhalten und danach nichts mehr gehört. Andere erlebten eine Durchsuchung und hofften, die Sache sei erledigt. Wichtig ist: Die Anklage ist die Sicht der Staatsanwaltschaft, kein Urteil. Ob ihre Beweise tragen, prüft jetzt erstmals ein Gericht.

Heben Sie den gelben Umschlag auf: Das Zustelldatum darauf ist für die Erklärungsfrist zur Anklageschrift entscheidend.

Wo stehen Sie im Strafverfahren, wenn die Anklage kommt?

Das Strafverfahren hat vier Abschnitte. Mit der Anklage endet das Ermittlungsverfahren, und das Zwischenverfahren beginnt. Ihre Bezeichnung wechselt mit jedem Abschnitt – vom Beschuldigten über den Angeschuldigten zum Angeklagten. Für Ihre Verteidigung ist das Zwischenverfahren die letzte Chance, eine öffentliche Hauptverhandlung zu vermeiden.

Ein verbreiteter Irrtum: Anders als ein Strafbefehl wird eine Anklage nicht dadurch rechtskräftig, dass Sie schweigen oder die Frist verstreichen lassen. Untätigkeit hat trotzdem Folgen. Ohne Einwendungen prüft das Gericht nur die Sicht der Staatsanwaltschaft und eröffnet in aller Regel das Hauptverfahren. Die Tabelle zeigt, wo Sie stehen und was Sie in jedem Abschnitt beeinflussen können.

VerfahrensabschnittIhre RolleWer entscheidet?Ihr Handlungsspielraum
ErmittlungsverfahrenBeschuldigterStaatsanwaltschaftSchweigen, Akteneinsicht, Einstellung anregen
ZwischenverfahrenAngeschuldigterGericht über die EröffnungEinwendungen, Beweisanträge, Einstellung
HauptverfahrenAngeklagterGericht durch UrteilBeweisanträge, Verständigung, letztes Wort
RechtsmittelAngeklagterBerufungs- oder RevisionsgerichtBerufung oder Revision binnen einer Woche nach dem Urteil

Welche Frist gilt nach Zustellung der Anklageschrift?

Eine gesetzliche Frist gibt es nicht. Der Vorsitzende bestimmt nach § 201 StPO eine Erklärungsfrist für Beweisanträge und Einwendungen gegen die Eröffnung. In der Praxis beträgt sie oft ein bis zwei Wochen. Spätere Äußerungen bleiben möglich, wirken aber vor der Eröffnungsentscheidung am meisten. Beim Vorsitzenden beantrage ich für Sie Fristverlängerung und Akteneinsicht (§ 147 StPO).

Die Frist läuft ab Zustellung. Wirft der Zusteller den Umschlag in Ihren Briefkasten, gilt die Anklage mit diesem Tag als zugestellt – auch wenn Sie verreist sind. Das Datum vermerkt der Zusteller auf dem Umschlag. Notieren Sie es sofort und bringen Sie Umschlag und Anklage vollständig zum ersten Gespräch mit. Reicht die Zeit nicht, ist eine Verlängerung in der Regel kein Problem.

Was sollten Sie nach Erhalt der Anklage tun – und was besser nicht?

Bewahren Sie Ruhe, sichern Sie Umschlag und Anklage und lassen Sie die Erklärungsfrist nicht ungenutzt verstreichen. Die wichtigste Regel: Äußern Sie sich nicht selbst zur Sache, bevor die Akte ausgewertet ist. Was Sie jetzt schreiben oder sagen, kann im weiteren Verfahren gegen Sie verwendet werden.

Aus meiner Praxis kenne ich typische Fehler, die sich leicht vermeiden lassen:

  • Eigener Brief ans Gericht: Gut gemeinte Erklärungen ohne Aktenkenntnis liefern oft neue Beweise gegen Sie.
  • Kontakt zu Zeugen oder Mitbeschuldigten: Er kann als Verdunkelungsversuch gewertet werden und im schlimmsten Fall Untersuchungshaft auslösen.
  • Posts und Chats: Äußerungen in sozialen Medien oder Messengern landen erfahrungsgemäß schnell in der Akte.
  • Abwarten: Wer die Anklage liegen lässt, verschenkt die Chance, die Hauptverhandlung noch zu verhindern.

Wie können Sie sich gegen die Anklage wehren?

Ihre Verteidigung kann darlegen, warum die Beweise keinen hinreichenden Tatverdacht tragen, und einzelne Beweiserhebungen beantragen (§ 202 StPO). Überzeugt das, lehnt das Gericht die Eröffnung des Hauptverfahrens ab (§ 204 StPO). Bei einem Vergehen kommt auch eine Einstellung gegen Auflage in Betracht – nur mit Ihrer Zustimmung.

Nach Akteneinsicht prüfe ich für Sie drei Punkte: Lässt sich die Tat überhaupt nachweisen? Sind Beweise unverwertbar, etwa wegen einer fehlerhaften Durchsuchung oder Belehrung? Und stimmt die rechtliche Einordnung? Schon die Herabstufung zum Vergehen kann eine Einstellung erst möglich machen. Bei mehreren Vorwürfen lassen sich einzelne Taten oft nach § 154 StPO ausscheiden. Ob eine Stellungnahme klüger ist oder Ihr Schweigerecht Sie besser schützt, entscheiden wir gemeinsam.

Entscheidung des GerichtsWas das für Sie bedeutet
Eröffnung des Hauptverfahrens (§ 203 StPO), ggf. mit Änderungen (§ 207 Abs. 2 StPO)Es kommt zur Hauptverhandlung, Sie sind Angeklagter. Den Beschluss können Sie nicht anfechten (§ 210 Abs. 1 StPO).
Eröffnung vor einem Gericht niedrigerer Ordnung (§ 209 StPO)Verhandelt wird z. B. vor dem Amtsgericht statt vor dem Landgericht – mit geringerer Strafgewalt.
Ablehnung der Eröffnung (§ 204 StPO)Das Verfahren endet. Der Beschluss muss erkennen lassen, ob er auf tatsächlichen oder rechtlichen Gründen beruht. Die Staatsanwaltschaft kann sofortige Beschwerde einlegen (§ 210 Abs. 2 StPO). Eine neue Anklage ist nur bei neuen Tatsachen oder Beweismitteln möglich (§ 211 StPO).
Einstellung gegen Auflagen oder Weisungen (§ 153a Abs. 2 StPO)Nur bei Vergehen und nur mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft und Ihrer Zustimmung. Sie müssen die Auflage, etwa eine Geldzahlung, erfüllen. Danach ist das Verfahren endgültig erledigt, ohne Vorstrafe. Der Beschluss ist nicht anfechtbar.
Vorläufige Einstellung (§ 205 StPO)Das Verfahren ruht, etwa weil der Angeschuldigte längere Zeit abwesend oder nicht verhandlungsfähig ist.

Welches Gericht ist zuständig – und brauchen Sie einen Pflichtverteidiger?

Zuständig ist je nach Straferwartung der Strafrichter, das Schöffengericht oder das Landgericht (§ 24 GVG, § 25 GVG, § 74 GVG). Je nach Gericht ist die Verteidigung notwendig (§ 140 StPO). Haben Sie noch keinen Verteidiger, wird Ihnen spätestens mit der Aufforderung zur Erklärung ein Pflichtverteidiger bestellt (§ 141 Abs. 2 StPO).

Das Gericht zeigt mit seiner Wahl auch, wie ernst die Staatsanwaltschaft den Fall nimmt. Den Pflichtverteidiger müssen Sie nicht hinnehmen, wie das Gericht ihn auswählt. Sie erhalten Gelegenheit, innerhalb einer Frist selbst einen Anwalt Ihres Vertrauens zu benennen (§ 142 Abs. 5 StPO). Diese Frist ist kurz. Wer sie verstreichen lässt, bekommt einen Verteidiger, den er nicht kennt.

GerichtWann zuständig?Notwendige Verteidigung?
Strafrichter (Amtsgericht)Vergehen, wenn keine höhere Strafe als 2 Jahre Freiheitsstrafe zu erwarten ist (§ 25 GVG)Nur bei Schwere der Tat oder der drohenden Rechtsfolge oder bei schwieriger Sach- oder Rechtslage (§ 140 Abs. 2 StPO)
Schöffengericht (Amtsgericht)Vergehen und Verbrechen mit Straferwartung bis 4 Jahre, soweit nicht Strafrichter oder Landgericht zuständig sind (§ 24 GVG)Ja (§ 140 Abs. 1 Nr. 1 StPO)
Große Strafkammer (Landgericht)Straferwartung über 4 Jahre, drohende Unterbringung oder Sicherungsverwahrung, Katalogtaten wie Tötungsdelikte (§ 74 Abs. 2 GVG) oder Anklage wegen besonderer Bedeutung, besonderen Umfangs oder besonderer Schutzbedürftigkeit von Verletzten (§ 24 Abs. 1 Nr. 3 GVG)Ja (§ 140 Abs. 1 Nr. 1 StPO)

Wie läuft das Verfahren nach der Anklage in München ab?

Seit Juli 2026 verhandelt die Münchner Strafjustiz im neuen Strafjustizzentrum am Leonrodplatz (Dachauer Straße 118). Dort sind die Strafabteilungen des Amtsgerichts München und die Strafkammern der Landgerichte München I und II untergebracht. Auch die Staatsanwaltschaften München I und II sitzen dort. Anklagen aus dem Umland, etwa vor den Amtsgerichten Dachau, Freising oder Starnberg, werden weiterhin vor Ort verhandelt.

Für Sie bedeutet das: Der Gerichtsort steht in der Anklage und später in der Ladung. Das Strafjustizzentrum erreichen Sie mit den Trambahnlinien 12, 20 und 21 bis Leonrodplatz, Besucherparkplätze sind knapp. Planen Sie am Verhandlungstag ausreichend Zeit für die Einlasskontrolle ein. Wir treffen uns vor dem Termin und gehen den Ablauf noch einmal gemeinsam durch.

Was steht in der Anklageschrift – und worauf sollten Sie achten?

Nach § 200 StPO nennt die Anklage die Tat mit Zeit und Ort, die Strafvorschriften und die Beweismittel. Außer beim Strafrichter enthält sie auch das „wesentliche Ergebnis der Ermittlungen“. Verurteilt werden darf nur wegen der angeklagten Tat (§ 155 StPO, § 264 StPO). Ungenaue Tatbeschreibungen und Lücken in der Beweiskette sind deshalb wichtige Ansatzpunkte Ihrer Verteidigung.

Lesen Sie die Liste der Beweismittel genau. Sie zeigt, auf welche Zeugen, Gutachten oder Chatverläufe die Staatsanwaltschaft ihren Vorwurf stützt. Fehlt dort ein Beweis, den Sie für entlastend halten, notieren Sie ihn für unser Gespräch. Achten Sie auch auf die Zahl der Taten und den angegebenen Tatzeitraum. Beides beeinflusst die Strafe und kann zu weit gefasst sein.

Machen Sie sich mit einem Anwalt verdächtig?

Nein. Nach § 137 StPO dürfen Sie sich in jeder Lage des Verfahrens verteidigen lassen. Für Gericht und Staatsanwaltschaft ist das Alltag, der Tatverdacht ändert sich dadurch nicht. Ein Verteidiger zeigt dem Gericht vielmehr, dass die Anklage genau geprüft wird.

Viele Betroffene zögern aus Scham und verlieren so wertvolle Zeit. Dabei entscheidet sich oft gerade im Zwischenverfahren, ob es überhaupt zu einer öffentlichen Verhandlung kommt.

Wann findet die Hauptverhandlung nach der Anklageschrift statt?

Lässt das Gericht die Anklage zu, erlässt es einen Eröffnungsbeschluss (§ 203 StPO), und Sie sind Angeklagter. Eine gesetzliche Terminfrist gibt es nicht. Erfahrungsgemäß folgt die Verhandlung nach wenigen Wochen bis mehreren Monaten. In der Praxis werden Haftsachen und Fälle mit vorläufig entzogener Fahrerlaubnis bevorzugt terminiert, Landgerichte sind oft lange ausgebucht.

Zwischen Ladung und Termin muss mindestens eine Woche liegen (§ 217 StPO). Erscheinen Sie unentschuldigt nicht, kann das Gericht Ihre Vorführung oder einen Haftbefehl anordnen (§ 230 Abs. 2 StPO). In der Verhandlung dürfen Sie weiter schweigen (§ 243 Abs. 5 StPO) und haben vor dem Urteil das letzte Wort (§ 258 StPO).

Ob es zur Verhandlung kommt, entscheidet das Gericht erst nach dem Zwischenverfahren – ein Strafverteidiger in München kann diese Phase aktiv nutzen.

Was ist trotz Anklage noch erreichbar?

Ziel ist, das Verfahren möglichst früh in Ihrem Sinn zu beenden. Im besten Fall lässt das Gericht die Anklage nicht zu oder stellt das Verfahren ein. In der Verhandlung kann eine gute Vorbereitung auf einen Freispruch oder eine mildere Strafe hinwirken, etwa eine Geldstrafe oder eine Bewährungsstrafe.

Eine Verständigung (§ 257c StPO) kann Ihnen Planungssicherheit geben. Sie betrifft nur die Rechtsfolgen, nie den Schuldspruch, und setzt in der Regel ein Geständnis voraus. Das Gericht ist nicht mehr gebunden, wenn bedeutsame Umstände übersehen wurden oder neu auftauchen oder Ihr Verhalten nicht der Prognose entspricht (§ 257c Abs. 4 StPO). Ob sich dieser Weg lohnt, prüfe ich erst nach Kenntnis der Beweislage. Je früher, desto mehr Optionen bleiben Ihnen.

Welche Beiträge vertiefen einzelne Anklagen und Verfahrensschritte?

Viele Fragen hängen vom konkreten Vorwurf ab. Die folgenden Beiträge vertiefen typische Anklagen und angrenzende Verfahrensschritte.

ThemaBeitrag
Anklage wegen BetäubungsmittelnAnklageschrift wegen BtMG
Anklage wegen neuer psychoaktiver StoffeAnklageschrift nach dem NpSG
Anklage wegen DopingmittelnAnklageschrift nach dem AntiDopG
Anklage wegen FalschgeldAnklageschrift wegen Geldfälschung (§ 146 StGB)
Anklage nach einem tödlichen UnfallAnklageschrift wegen fahrlässiger Tötung
Verurteilung ohne HauptverhandlungStrafbefehl und Einspruch
Anspruch auf einen VerteidigerPflichtverteidiger: Anspruch, Kosten und Wahl

Welche Tipps gibt´s vom Strafverteidiger zum Schluss?

Strafverteidiger-Tipp 1: Je früher Sie einen Anwalt hinzuziehen und je früher dieser die Möglichkeit hat, lenkend einzugreifen, desto besser sind in der Regel die Ergebnisse, die in Ihrem Ermittlungsverfahren bzw. in Ihrem Strafverfahren erreicht werden können.
Strafverteidiger-Tipp 2: Machen Sie unbedingt von Ihrem Schweigerecht Gebrauch! Es ist eines Ihrer wichtigsten Beschuldigtenrechte. Sie müssen sich nicht selbst belasten. Sie sollen keine Aussage zur Sache machen. Folgen Sie daher auch nicht der Ladung zur Beschuldigtenvernehmung, sondern kontaktieren Sie vorher einen auf das Strafrecht spezialisierten Rechtsanwalt.

Sprechen Sie bitte nicht mit der Polizei, reden Sie mit mir!

So geht´s weiter:

  • Sie kontaktieren mich unter 089/228433-55.
  • Sie erhalten einen Termin binnen 48 Stunden.
  • Wir besprechen Ihren Fall inklusive Chancenbewertung.
  • Nach Beauftragung durch Sie nehme ich Akteneinsicht.
  • Sobald die Akte vorliegt, planen wir gemeinsam unsere Strategie.