Diebstahl mit Waffen: Strafe und Verteidigung nach § 244 StGB

Ein Ladendiebstahl, und zufällig steckt ein Taschenmesser oder eine Nagelschere in der Jacke – schon steht der Vorwurf Diebstahl mit Waffen nach § 244 StGB im Raum. Viele Betroffene erschreckt, wie schnell aus einer vermeintlichen Bagatelle ein qualifizierter Diebstahl mit einer Mindeststrafe von sechs Monaten Freiheitsstrafe wird. Eine Geldstrafe sieht das Gesetz für diese Fälle nicht vor. Dieser Beitrag erklärt, wann ein Alltagsgegenstand als gefährliches Werkzeug gilt, welche Strafe droht und welche Verteidigungsansätze bestehen – besonders bei der heiklen Frage, ob Sie den Gegenstand überhaupt „bei sich geführt“ haben.

Was bedeutet Diebstahl mit Waffen nach § 244 StGB?

Der Diebstahl mit Waffen nach § 244 Abs. 1 Nr. 1 StGB ist eine Qualifikation des einfachen Diebstahls (§ 242 StGB). Strafbar macht sich, wer bei der Tat eine Waffe oder ein anderes gefährliches Werkzeug bei sich führt (Buchstabe a) – oder ein sonstiges Mittel, um den Widerstand einer Person durch Gewalt oder Drohung zu überwinden (Buchstabe b). Der Gegenstand muss dabei nicht eingesetzt werden.

Einen Überblick, wie sich der Diebstahl mit Waffen in die übrigen Diebstahls-Straftatbestände einfügt, finden Sie in unserem Beitrag zu den verschiedenen Diebstahls-Straftatbeständen.

Welche Strafe droht bei Diebstahl mit Waffen?

§ 244 StGB hat einen deutlich erhöhten Strafrahmen: Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. In minder schweren Fällen sind es drei Monate bis fünf Jahre. Eine reine Geldstrafe ist ausgeschlossen. Eine Aussetzung der Freiheitsstrafe zur Bewährung ist möglich, aber an mehrere Voraussetzungen geknüpft (siehe unten).

KonstellationNormStrafrahmen
Einfacher Diebstahl§ 242 StGBGeldstrafe oder Freiheitsstrafe bis 5 Jahre
Diebstahl mit Waffen (Grundfall)§ 244 Abs. 1 StGB6 Monate bis 10 Jahre Freiheitsstrafe
Minder schwerer Fall§ 244 Abs. 3 StGB3 Monate bis 5 Jahre Freiheitsstrafe
Aussetzung zur Bewährung§ 56 StGBnur bei Freiheitsstrafe bis 2 Jahre – mit weiteren Voraussetzungen

Die Bewährung ist dabei nicht automatisch. Bei einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr genügt eine günstige Sozialprognose (§ 56 Abs. 1 StGB). Liegt die Strafe zwischen einem und zwei Jahren, müssen zusätzlich besondere Umstände in Tat und Persönlichkeit vorliegen (§ 56 Abs. 2 StGB). Und selbst wenn eine günstige Prognose besteht, bleibt die Aussetzung versagt, wenn die Verteidigung der Rechtsordnung die Vollstreckung gebietet (§ 56 Abs. 3 StGB). Dieser Ausschlussgrund kann beim Diebstahl mit Waffen praktisch bedeutsam werden, weil die Mindeststrafe von sechs Monaten den Anwendungsbereich des Absatzes 3 gerade eröffnet.

Obacht: Kommt nach der Tat Gewalt zur Beutesicherung hinzu, droht ein Ermittlungsverfahren wegen eines räuberischen Diebstahls nach § 252 StGB.

Ob ein mitgeführter Alltagsgegenstand als gefährliches Werkzeug im Sinne des § 244 StGB gilt, entscheidet sich nach seiner objektiven Beschaffenheit.

Wann ist ein Alltagsgegenstand ein gefährliches Werkzeug?

Ob ein Gegenstand ein gefährliches Werkzeug ist, entscheidet sich rein objektiv – auf Ihre Absichten kommt es dabei nicht an. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs muss der Gegenstand abstrakt-objektiv geeignet sein, erhebliche Verletzungen herbeizuführen. In der Literatur ist der Maßstab umstritten. Als gefährlich gelten etwa größere Messer, Baseballschläger oder eine Brechstange. Heikel ist die Einordnung von Alltagsdingen wie Nagelschere, Schraubenzieher, Hammer oder Seitenschneider.

Ein Beispiel aus der Praxis: Das OLG Nürnberg entschied, dass ein kleiner Seitenschneider, mit dem lediglich eine Warensicherung entfernt wurde, kein gefährliches Werkzeug ist (Urteil vom 15.10.2018 – 1 OLG 8 Ss 183/18). Das Gericht sah das zierliche Werkzeug objektiv nicht als geeignet an, einem Menschen erhebliche Verletzungen zuzufügen: Die Schneidkanten sind kurz und stumpf, und zum Stechen taugt es kaum. Ob dagegen ein mitgeführtes Messer überhaupt unter das Waffengesetz fällt, hängt von seiner Bauart ab – unser Beitrag zu Einhandmessern und dem Führungsverbot nach § 42a WaffG erklärt das im Detail. Was rechtlich als Waffe gilt und wann schon das bloße Mitführen strafbar ist, zeigt unser Beitrag zur Schreckschusswaffe ohne kleinen Waffenschein.

Ist ein Taschenmesser beim Ladendiebstahl bereits strafbar?

Häufig ja. Wird beim Ladendiebstahl ein griffbereites Taschen- oder Cuttermesser gefunden, bejahen Gerichte oft den Diebstahl mit Waffen – selbst wenn das Messer nie eingesetzt wurde und die Beute gering war. Genau das führt zu der als unverhältnismäßig empfundenen Mindeststrafe. Ob das konkrete Messer als Waffe oder gefährliches Werkzeug zählt, hängt von Bauart und Größe ab.

Zu bedenken ist außerdem: Schon der bloße Besitz einer Waffe kann eigenständig strafbar sein. Welche Straftatbestände das Waffenrecht (WaffG) kennt, erklärt unser gesonderter Beitrag.

Was bedeutet das Tatbestandsmerkmal „Beisichführen“?

Das Beisichführen hat zwei Ebenen, die klar zu trennen sind. Auf der objektiven Ebene genügt, dass Sie den Gegenstand während der Tat griffbereit haben, also ohne nennenswerte Verzögerung darauf zugreifen können; getragen oder benutzt werden muss er nicht. Auf der subjektiven Ebene muss Ihr Vorsatz das Beisichführen umfassen – Sie müssen sich also bewusst sein, den Gegenstand dabeizuhaben.

Gerade die subjektive Ebene wird oft übersehen. Wer schlicht vergessen hat, dass ein Messer in der Jacke steckte, führt es zwar objektiv griffbereit mit sich – ihm fehlt jedoch der erforderliche Vorsatz. Dann bleibt es beim einfachen Diebstahl nach § 242 StGB. Umgekehrt kann bereits das objektive Beisichführen fehlen, wenn der Gegenstand so verstaut ist, dass er nur mit erheblichem Aufwand erreichbar wäre. Beide Fragen sind stark einzelfallabhängig.

Welche Verteidigungsansätze gibt es beim Diebstahl mit Waffen?

Angriffspunkte gibt es auf beiden Ebenen des Tatbestands: Als Fachanwalt für Strafrecht prüfe ich für Sie zum einen die objektive Frage, ob der Gegenstand überhaupt ein gefährliches Werkzeug ist, und zum anderen die subjektive Frage, ob sich Ihr Vorsatz auf das Beisichführen bezog. Darüber hinaus prüfe ich, ob nur ein minder schwerer Fall vorliegt und ob ein Täter-Opfer-Ausgleich die Strafe zu Ihren Gunsten beeinflussen kann.

Erst mal Schweigen! Ob der Vorwurf des Diebstahls mit Waffen hält, entscheidet sich oft an Details wie Vorsatz und Beschaffenheit des Gegenstands.

Anklageschrift, Strafbefehl oder Hausdurchsuchung – wie reagieren Sie richtig?

Haben Sie eine Anklageschrift erhalten, ist der Vorwurf bereits verfestigt – gerade beim Diebstahl mit Waffen besteht ein reales Risiko, zumindest zu einer Bewährungsstrafe verurteilt zu werden. Eine fundierte Argumentation zu den Merkmalen „gefährliches Werkzeug“ und „Beisichführen“ ist hier oft der entscheidende Hebel.

Auch bei einem Strafbefehl sollten Sie nicht vorschnell handeln: Gegen ihn ist der Einspruch innerhalb von zwei Wochen möglich. Kommt es zu einer Hausdurchsuchung, bewahren Sie Ruhe, widersprechen Sie der Durchsuchung, lassen Sie sich den Beschluss aushändigen und kontaktieren Sie umgehend einen Strafverteidiger.

Ladung zur Beschuldigtenvernehmung wegen Diebstahls mit Waffen – was tun?

Machen Sie von Ihrem Schweigerecht Gebrauch. Als Beschuldigter müssen Sie sich nicht selbst belasten und keine Angaben zur Sache machen. Gerade beim Vorwurf des Diebstahls mit Waffen entscheidet die erste Weichenstellung oft über den weiteren Verlauf. Ich rate Ihnen, vor jeder Aussage über einen Anwalt Akteneinsicht nehmen zu lassen, damit wir Ihre Verteidigung auf Fakten stützen und nicht auf Vermutungen.

Welche Tipps gibt´s vom Strafverteidiger zum Schluss?

Strafverteidiger-Tipp 1: Je früher Sie einen Anwalt hinzuziehen und je früher dieser die Möglichkeit hat, lenkend einzugreifen, desto besser sind in der Regel die Ergebnisse, die in Ihrem Ermittlungsverfahren bzw. in Ihrem Strafverfahren erreicht werden können.
Strafverteidiger-Tipp 2: Machen Sie unbedingt von Ihrem Schweigerecht Gebrauch! Es ist eines Ihrer wichtigsten Beschuldigtenrechte. Sie müssen sich nicht selbst belasten. Sie sollen keine Aussage zur Sache machen. Folgen Sie daher auch nicht der Ladung zur Beschuldigtenvernehmung, sondern kontaktieren Sie vorher einen auf das Strafrecht spezialisierten Rechtsanwalt.

Sprechen Sie bitte nicht mit der Polizei, reden Sie mit mir!

So geht´s weiter:

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